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Kino 29.09.2026

Tom Cruise setzt mit Digger seine ganze Star-Power aufs Spiel – und scheitert grandios

Tom Cruise setzt mit Digger seine ganze Star-Power aufs Spiel – und scheitert grandios
Weit abseits lebensgefährlicher Stunts meldet sich Tom Cruise mit seiner riskantesten und ambitioniertesten Rolle seit Jahren zurück. Trotz aller Hingabe ist Digger aber nicht so gut, wie er sein sollte.

Die Katze liegt im Sterben, Bäume kippen um und bald blicken wir nur noch in die bleich geschminkten Gesichter alter, weißer Männer, wie sie in einem Roy Andersson-Film kaum lebloser abgelichtet werden. Die Welt steht am Abgrund und kann nur noch von jenem Ölbaron gerettet werden, der ihren Untergang mit seinen rücksichtslosen Geschäften befeuert hat: Digger Rockwell. Sogar der Präsident klopft an seine Tür.

Gespielt wird dieser Digger Rockwell von niemand Geringerem als Tom Cruise. Effizient wie kein anderer Hollywood-Star hat er sich in den vergangenen Jahren als Champion der Leinwanderfahrung stilisiert, vorzugsweise unter Einsatz seines eigenen Lebens. Doch was bleibt von Cruise ohne halsbrecherische Stunts? Digger ist das vielleicht größte Risiko seiner Karriere – und damit gewissermaßen wieder ein Stunt.

Tom Cruise löst in Digger eine Klimakatastrophe aus

Ein ziemlich kostspieliger Stunt: 125 Millionen US-Dollar hat Warner Bros. für die exzentrische Regiearbeit von Alejandro G. Iñárritu locker gemacht, die sich an keine Blockbuster-Regeln hält und schon gar kein bekanntes Franchise im Rücken hat. Digger ist einer der millionenschweren Ausnahmefilme vom Schlage One Battle After Another, der letztes Jahr mit einer ähnlichen Regie-Schauspieler-Kombination ins Kino kam.

Was sich One Battle und Digger außerdem teilen: Sie fühlen sich wie eine unmittelbare Reaktion auf den Zustand unserer Welt an. Wo Paul Thomas Anderson mit Leonardo DiCaprio von einer aufkeimenden Revolution gegen den Faschismus in den USA erzählt, spinnen Cruise und Iñárritu eine Weltuntergangssatire, die sich auf den ersten Blick irgendwo zwischen Dr. Seltsam (yay) und Don't Look Up (nay) wiederfindet.

Der große Unterschied: One Battle besitzt eine Durchschlagskraft, der man sich unmöglich entziehen kann. Andersons Film bewegt sich dermaßen selbstsicher am Puls der Zeit, dass er ihm auf Augenhöhe begegnet. Digger hat dagegen Mühe, mit der Absurdität unserer Realität Schritt zu halten, geschweige denn sie zu überholen. 129 Minuten "bissige" Gesellschaftskritik verwandeln sich in ermüdendes Ausstattungskino.

Beeindruckend ist die Ausstattung dennoch, angefangen bei Cruise, der unter mehreren Make-up-Schichten kaum wiederzuerkennen ist. Den überlebensgroßen Actionhelden seiner vergangenen Filme tauscht er gegen einen gewissenlosen Tycoon, der sich nicht einmal in den höchsten politischen Kreisen Gedanken um sein vulgäres Auftreten machen muss. Schließlich ist er der reichste Mensch der Welt.

Digger fehlt die Genialität für eine große Satire

Der unausstehliche Digger Rockwell hat das Schicksal des Planeten längst besiegelt, ohne dafür irgendjemandem Rechenschaft abzulegen. Mit Cowboyhut und -stiefeln stolziert er durch sein Anwesen, als wäre er gelangweilt vom amerikanischen Traum. Als eine seiner Ölbohrungen schiefgeht und ein gigantisches Gletscherstück Richtung Europa driftet, muss er sich jedoch der Öffentlichkeit stellen.

Fortan geht es darum, wer am lautesten und am meisten redet. Jede Szene ist gefühlt drei Minuten zu lang geraten, sodass Cruise trotz der bewundernswerten Hingabe, die er in die Rolle steckt, irgendwann am Ende seiner Ideen ankommt. Obwohl sich Digger mit jedem Akt thematisch vergrößert, gewinnt der Film weder an Tempo noch an Tiefe oder Witz. Eigentlich absurd bei den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten.

Iñárritu, der gemeinsam mit Alexander Dinelaris, Nicolás Giacobone und Sabina Berman auch das Drehbuch geschrieben hat, beginnt seine "Komödie katastrophalen Ausmaßes" im Mikroskopischen und zoomt immer weiter hinaus, bis er sich auf einer unerwarteten Metaebene bewegt. Ab da mutiert sein Film zu einem kühnen Genre-Mix, der weit mehr als den drohenden Weltuntergang in ein neues Verhältnis setzt.

Auf einmal geht es um das Geschichtenerzählen an sich. Wer steht im Mittelpunkt des Scheinwerferlichts auf der Bühne? Wer hält im Hintergrund die inszenatorischen Fäden in Händen? Und welche Wirkung kann – oder sollte – mit dem Erzählten erzielt werden? Digger, der als warnende Satire beginnt, untersucht sich selbst in seiner Beschaffenheit als ein Film, der viel zu spät kommt und trotzdem beschäftigen möchte.

Digger ist ein Wagnis, aber kein überzeugendes

In dem Moment schauen wir auch Tom Cruise dabei zu, wie er als "President of Movies" die (Film-)Welt retten will. Dieses Mal allerdings ohne den Nostalgie-Boost von Top Gun: Maverick und dem Blockbuster-Versprechen des Mission: Impossible-Finales. Stattdessen soll Digger aus der Kraft eines erstklassigen, eigenwilligen und besonders originellen Kinos zum Spektakel werden, das von Star-Power zusammengehalten wird.

Die Star-Power von Regisseur Alejandro González Iñárritu, der schon in Birdman Themen wie Kunst, Ego und Relevanz verhandelt hat. Von Kameramann Emmanuel Lubezki, der sich mit 35-mm-Bildern in VistaVision austoben darf. Von John Goodman, der zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder eine Kinorolle spielt, und Sandra Hüller, die gerade zur gefragtesten internationalen Schauspielerin in Hollywood aufsteigt.

Und natürlich die Star-Power von Tom Cruise, ohne den Digger mit seiner ausgestellten Exzellenz nicht existieren würde. Cruise geht all in und das macht den Film genauso mutig wie sympathisch. Digger ist alles andere als ein Selbstläufer, sondern ein Wagnis. Ein Wagnis und ein Hoffnungsträger, der weitere Projekte dieser Art beflügeln – oder im Falle eines Box-Office-Flops für immer beerdigen – könnte.

Umso frustrierender ist es, dass von den Funken in der Konzeption nur ein extrem zähes Unterfangen übriggeblieben ist. Digger fordert sehr viel Geduld ein, bis eine der mühselig vorbereiteten Pointen zündet. Wenn sie das überhaupt tut. Die meiste Zeit über schauen wir dem Cast dabei zu, wie er sich vor blass ausgeleuchteten Kulissen in endlosen Wutdialogen im Kreis dreht. Doch kein Schrei kann die Starre brechen.

Leider mehr Don't Look Up als Dr. Seltsam

Digger, der Film, will von einem selbstverschuldeten Elend berichten. Einem Dahinsiechen mit übertriebenen, grotesken Gesten. Jedes Mal, wenn etwas entlarvt wird, wiederholt es das Drehbuch so oft, dass die Überzeugung verloren geht. Und die Augenblicke, in denen die Karikatur Digger Rockwell gegen den fehlbaren Menschen Digger Rockwell getauscht werden soll, zerschellen an krampfhafter Über-Performance.

Als Komödie zu angespannt und unlustig, als Satire nicht scharf genug: Digger scheitert als Meta-Katastrophenfilm und elevated Event-Blockbuster. Nur als Cruise-Showcase ist diese groteske Tour de Force bis zur letzten Sekunde faszinierend. Man will und kann nicht wegschauen, weil durch jede kühne Verrenkung die Hoffnung aufrechterhalten wird, dass doch noch der Geniestreich zum Vorschein kommt, der das Kino rettet.

Ein Stunt mit sehr viel Anlauf, aber ohne Sprung.

Digger startet am 1. Oktober 2026 in den deutschen Kinos.

Zum Originalartikel →

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